Wie spielt man einen Serienmörder? Evan Peters über DAHMER

Die Netflix-Serie DAHMER begeistert Millionen von Menschen, Schauspieler Evan Peters gewann für seine Rolle als Serienkiller sogar einen Golden Globe. Doch wie wurde er zu so einer dunklen Figur?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch im Netflix-Magazin Queue

Für Evan Peters begann die Verwandlung zum Serienmörder Jeffrey Dahmer mit seinen Händen. Schon bevor die Kameras für DAHMER - Monster: The Jeffrey Dahmer Story liefen, band der Schauspieler Bleigewichte an seine Handgelenke, um Dahmers ungewöhnliche Körperhaltung zu imitieren. „Ich habe beobachtet, wie er sich bewegte“, sagte Peters im Roundtable-Gespräch mit Drehbuchautor Ryan Murphy und dem DAHMER-Cast. „Er hatte einen sehr geraden Rücken und seine Arme nicht bewegt, wenn er ging. Es war mir wichtig, zu verstehen, wie sich das anfühlt. Am Anfang trug ich [die] Kleidung - Schuhe, Jeans und Brille - und ich hatte immer eine Zigarette in der Hand. Ich versuchte, all diese äußerlichen Dinge zur Gewohnheit zu machen.“

Dennoch war die körperliche Belastung nichts im Vergleich zur psychischen. Peters musste tief in den Verstand eines Mannes eintauchen, der zwischen 1978 und 1991 das Leben von 17 Menschen nahm – darunter viele junge, schwule, schwarze Männer. Der Schauspieler sah stundenlanges Filmmaterial: jedes Interview, das er in die Hände bekommen konnte – dazu gehörte täglich eine 45-minütige Audioschleife, in der Dahmer zu hören ist. Aber nur so konnte er die Sprechweise des Mörders und seinen Geisteszustand erfassen. „Ich habe so viele Artikel, Bücher, Timelines, Geständnisse gelesen, wie ich konnte – so viel gesehen und zugehört, wie ich konnte“, sagte der Schauspieler bei einer Veranstaltung.

Ryan Murphy und Ian Brennan schufen DAHMER

DAHMER wurde von Murphy und Ian Brennan geschaffen, die Titel wie The WatcherHalston und Glee auf ihrer Liste von gemeinsamen Produktionen haben. Die Serie erforscht die Vergangenheit des titelgebenden Subjekts und enthüllt den systemischen Rassismus, die Homophobie und die institutionellen Versäumnisse, die Dahmers Mordserie über mehr als ein Jahrzehnt ermöglicht haben. Im Rahmen dieser Mission gibt die Serie auch Dahmers vielen Opfern eine Stimme – darunter sein Vater, seine Mutter, seine Stiefmutter (gespielt von Richard Jenkins, Penelope Ann Miller und Molly Ringwald) sowie die lange übersehene Glenda Cleveland (Niecy Nash-Betts). Letztere ist Dahmers Nachbarin, die versuchte, die Behörden auf sein verdächtiges Verhalten aufmerksam zu machen, aber immer wieder ignoriert wurde.

Niecy Nash Betts als Glenda Cleveland

Diese komplexe und nuancierte Version der Geschichte war für Schauspieler Peters fesselnd. „Für mich war es einfach sehr wichtig, auf dem gesamten Weg 120 Prozent zu geben. Es fühlte sich an, als würde das Material es verdienen, also habe ich mich selbst angetrieben“, erklärte er.

Diese Hingabe hat sich ausgezahlt und dem Schauspieler einen Golden Globe Award als Bester Schauspieler in einer Miniserie eingebracht. Furchtloses Engagement für die dunkelste Rolle macht ihm zu einem bemerkenswerten Darsteller.

Wie Ryan Murphy Evan Peters entdeckte

Murphy entdeckte Peters, als sich dieser als 17-Jähriger für die Serie American Horror Story: Murder House bewarb. Murphy war so beeindruckt, dass er die Staffel umschrieb, um Peters' Talent zu repräsentieren. Peters ist seit je her in fast jeder Folge von Murphys American Horror Story aufgetreten und hat Rollen sowohl den  problematischen Teenager Tate Langdon gespielt, als auch einen Massenmörder, der zum Hotelier wird und an Halloween ein Abendessen für Serienmörder veranstaltet (American Horror Story: Hotel). Außerdem spielte er auch in der ersten Staffel von Pose mit – Murphys preisgekrönter Zusammenarbeit mit Brad Falchuk und Steven Canal.

Außerhalb des Murphy-Universums hat Peters ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 2018 wurde er für den British Independent Film Award für seine Rolle in Bart Laytons American Animals nominiert, der auf der wahren Geschichte einer Gruppe von Studenten der Universität Kentucky basiert, die einen Raubüberfall auf ihre Bibliothek planten. Seine herausragenden Leistungen als Peter Maximoff (alias Quicksilver) in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit und X-Men: Apocalypse waren so unvergesslich, dass er ausgewählt wurde, eine alternative Version an der Seite von Elizabeth Olsen in der mit dem Emmy ausgezeichneten und für den Golden Globe nominierten Marvel-Serie WandaVision zu spielen. Diese Rollen führten zu seiner mit einem Emmy ausgezeichneten Darstellung des Detectives Colin Zabel in Mare of Easttown, an der Seite von Kate Winslet als Mare Sheehan.

Evan Peters lehnte fast die Rolle für DAHMER ab

Angesichts ihrer gemeinsamen Geschichte ist es keine Überraschung, dass Murphy an Peters dachte, als es um die Besetzung von Dahmer ging. „Wir haben mehrere Monate lang gecastet und ich glaube, wir haben hundert Jungs gesehen“, sagte Murphy. „Es gab viele großartige Kandidaten. Aber ich dachte immer wieder: wenn Evan das nur machen würde ...“

Als Murphy Peters zum ersten Mal mit der Idee konfrontierte, zögerte dieser jedoch. „Ich habe wirklich mit mir gerungen, ob ich mich darauf einlassen soll oder nicht“, gestand Peters. „Ich konnte mir keinen schwierigeren Part vorstellen.“

Peters nahm schließlich die Herausforderung an und begann, sich mit Dahmers schrecklichen Taten vertraut zu machen. „Der psychologische Aspekt war der schwierigste Teil“, sagte er. „Er war verwirrt darüber, warum er überhaupt tun wollte, was er tat. Er wusste, dass es falsch war und betäubte sich mit Alkohol. Was sich anfühlte, wie der Schlüssel, um ihn zu spielen, war das Erkennen, dass es sich wirklich um den Verfall hin zu einer Zwangsstörung handelte, die er nicht mehr kontrollieren konnte und sich selbst völlig verloren hatte. Sobald ich das erkannt hatte, versuchte ich den Handlungsverlauf über die Serie hinweg  zu planen.“ Am wichtigsten war für Peters, dass seine Darstellung nicht zu einer Karikatur von Dahmer wurde. „Ich wollte wirklich alles entblößen“, sagte er. „Jeder war damit einverstanden, es nüchtern zu erzählen, damit die Fakten des Falls die Geschichte selbst erzählen würden.“

Selbst die Haare spielten bei DAHMER eine Rolle

Mit diesem Ziel arbeitete Peters eng mit dem Friseurdesigner Shay Sanford-Fong zusammen, um die körperliche und geistige Entwicklung des Charakters von den 1970er-Jahren bis Anfang der 1990er-Jahre nachzuvollziehen. „Wir erzählten eine Geschichte durch [Jeffreys] Haare“, erklärte Sanford-Fong während einer Netflix-Veranstaltung mit Peters und dem Rest des Ensembles. „Vieles begann damit, dass er ein Teenager war – der 1970er Vibe – und ging über in die 1980er Jahre, von einem militärischen Haarschnitt zu einem längeren Stil. Je mehr Angriffe stattfanden, desto fettiger wurde er. Er begann viel ungepflegter auszusehen. So konnte man im Verlauf der Serie sehen, wie er mit jeder Folge finsterer wurde.“

Je fortgeschrittener der Verfall desto schmieriger werden die Haare

Diese unheimliche Entwicklung führte dazu, dass Peters sich immer tiefer in die Rolle zurückzog. Tatsächlich scherzen einige seiner Kollegen darüber, dass sie erst jetzt die wahre Person hinter dem Schauspieler kennenlernen würden. „Ich dachte, er mochte mich nicht. Und ich sagte: 'Nun, jeder mag mich. Was ist los?' Dann habe ich gemerkt, dass er in seinem Prozess bleiben musste, denn wenn er mich so lieben würde, wie er es jetzt tut, könnten wir diese Spannung vor der Kamera nicht erzeugen“, sagte Niecy Nash-Betts. Penelope Ann Miller, die Dahmers Mutter Joyce spielt, lobte Peters' Talent überschwänglich. „Dein Einsatz für diese Rolle war so unglaublich beeindruckend und kraftvoll und wirklich fesselnd", sagte sie während des Roundtable-Gesprächs. „Ich habe mit [Robert] De Niro, [Marlon] Brando, Al Pacino zusammengearbeitet und du bist ganz oben dabei.“

Nach dem Ende von DAHMER ist Peters stolz auf das, was er erreicht hat, aber auch bereit, die Figur hinter sich zu lassen. „Ich hatte das Glück, mir eine Auszeit zu gönnen und mich zu entspannen“, sagt er. „Ich habe versucht, das alles abzuschütteln. Ich bin nach Hause nach St. Louis gefahren, habe meine Familie und Freunde besucht und mir Stepbrothers angesehen. Einfach mal die Psyche aufheitern.“ Die Rolle des Dahmer hat ihn dazu gebracht, bewusst nach Freude zu suchen. „Ich habe so viel Negativität und Dunkelheit in die Darstellung der Figur gesteckt“, sagte er. „Ich muss zurück ins Licht und mich wieder mit Komödien und Romantik füllen.“

Netflixwoche Redaktion