Johnny Depp vs. Amber Heard: Als die Welt zur Jury wurde

Die neue Netflix-Dokumentation Johnny Depp vs. Amber Heard arbeitet einen der populärsten Gerichtsprozesse von 2022 auf. Wie konnte er für so viel Aufsehen sorgen?

Menschen urteilen gerne. Je weniger sie über eine Person wissen, desto leichter fällt ihnen das Urteil. Da sind Prominente eine willkommene Zielscheibe. Wenn dann auch noch ein öffentlicher Gerichtsprozess stattfindet – in dem sogar ganz offiziell über Prominente gerichtet werden soll – ist das leicht als eine Aufforderung misszuverstehen, sich zu beteiligen.

Wirft man die leicht entflammbare Mob-Mentalität der sozialen Medien in den Mix, hat man alle Zutaten für ein Spektakel beisammen. So wurde der Diffamierungsprozess von Johnny Depp gegen Amber Heard 2022 zum Phänomen. Niemand schien dem Thema entkommen zu können. Die globale Nachrichtenseite Insider nannte es „den Prozess des Jahrhunderts“, das Nachrichtenportal Deutsche Welle ein „Schlammschlacht-Spektakel“, die amerikanische Zeitung New York Times ein „von Anfang bis Ende außergewöhnlich verwirrendes, wenig belehrendes und trauriges Schauspiel“.

Was war passiert?

Johnny Depp verklagte seine Exfrau Amber Heard wegen Verleumdung. Heard reichte Gegenklage ein. Der Prozess wurde live aus dem Gerichtssaal übertragen. 

Was folgte, war ein sechs Wochen langes, beispielloses Medien-Fieber. Besonders aus den sozialen Medien dröhnte einem der unaufhörliche Schwall privater Details einer Beziehung entgegen, die man im Grunde lieber nicht so genau erfahren hätte. Oder doch?

Die Netflix-Dokumentation Johnny Depp vs. Amber Heard von Regisseurin Emma Cooper ergreift keine Partei. Es werden Aussagen, die in Wirklichkeit mit wochenlangen Abständen getätigt wurden, nebeneinander gestellt. Es werden Dokumente betrachtet, die aus diversen Gründen aus dem Gerichtsprozess ausgeschlossen wurden.

Aber vor allem geht es um das, was sich außerhalb des Gerichtssaals abspielte: Die Dokumentation wirft einen kritischen Blick auf den Einfluss, den die sozialen Medien auf das Geschehen nahmen. Dafür wurden 200 Stunden live gestreamter Gerichtsberichterstattung von Mainstream-Nachrichten und Kommentator*innen auf TikTok und Twitter ausgewertet.

Es geht um die Folgen der Sensationslust.

Ein Blickwinkel, der ein Jahr nach dem Prozess bitter notwendig erscheint. Denn die Online-Gemeinschaft einigte sich mit großer Begeisterung auf eine Schurkin und einen Helden. Kollektiv hatte man das Gefühl, hier würde Gerechtigkeit geschehen. Raum für Grautöne gab es nicht. Der leiseste Zweifel am gängigen Gut-und-Böse-Schema der Prozessbeteiligten wurde vehement von der lauten Masse im Keim erstickt.

Warum zog der Prozess die Welt so sehr in seinen Bann? Und wieso fiel das Urteil der Öffentlichkeit so gnadenlos aus?

Cancel-Culture vs. Victim-Blaming

Sicher war es die Absurdität, die den Prozess zu einem Straßenfeger machte. Einblicke in prominente Haushalte folgen normalerweise einem strengen Drehbuch. Hier wurde alles an die Oberfläche gespült. Anekdoten über die düsteren Abgründe einer giftigen Beziehung wurden in das grelle Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt und im sachlichen Rahmen der Verhandlung juristisch erörtert. Menschen dabei zuzusehen, wie sie um Haltung kämpfen, während ihre schmutzige Wäsche vor den Augen der Welt gewaschen wird – das faszinierte.

Doch es gab noch einen weiteren Faktor, der die Popularität von Depp förderte und die Verdammung von Heard vorantrieb: Der Prozess wurde instrumentalisiert und als eine Geschichte über fehlgeleitete Cancel-Culture erzählt. Depp wurde zum unschuldigen Opfer stilisiert und Heard zur manipulativen Lügnerin gemacht. Ob diese Darstellung der Wahrheit entsprach, interessierte bald niemanden mehr. Dass Wahrheit subjektiv sein kann, auch nicht.

Die Stimmen, die vor einem Jahr die aufgehetzte Masse des Victim-Blamings bezichtigten, verpufften im Angesicht der kollektiven Rage. Denn die Vorstellung von Depp als Protagonisten eines wohlverdienten Comebacks fühlte sich befriedigender an, als kritisch zu hinterfragen, ob die Heftigkeit der Reaktionen wirklich angemessen war.

Johnny Depp vs. Amber Heard – Die globale Nachrichtenseite Insider nannte es „den Prozess des Jahrhunderts''.

Stattdessen schien sich eine Welle des aufgestauten Hasses zu entladen – auf eine Frau, die vermeintlich zu Unrecht einen Mann bezichtigt. Hier brach ein Damm, der die Gegenreaktionen zur Me-Too-Bewegung einige Jahre gestaut hatte. Die britische Tageszeitung The Guardian nannte das Geschehen: „Orgie des Sexismus“.

Das Gericht der öffentlichen Meinung

In den sozialen Medien wurde aus der Wut auf Heard schnell Spott. Folge drei von Johnny Depp vs. Amber Heard zeigt, wie Abertausende von Memes entstanden und die Tonaufnahmen aus dem Prozess zum Skript für Influencer auf TikTok wurden. Heards Aussagen fanden beim Publikum kaum ernsthaft Gehör, sondern wurden nur noch daraufhin geprüft, ob sie Meme-Material enthielten. Die Urteilsverkündung verfolgten Millionen Menschen im Livestream. Doch in den sozialen Medien war das Urteil längst gefällt – lange bevor die Jury ihr Urteil sprach.

Emma Cooper, der Regisseurin von Johnny Depp vs. Amber Heard, fiel während der Produktion vor allem eine Diskrepanz zwischen den Aussagen auf. „Es ist ein merkwürdiges Element des menschlichen Geistes und Gehirns, dass wir dieselben Szenarien unterschiedlich wahrnehmen und verschiedene Perspektiven haben“, sagte sie gegenüber dem englischsprachigen Netflixmagazin Tudum. „Ich wollte einfach darlegen, dass diese beiden Menschen leidenschaftlich an ihre eigenen Wahrheiten glaubten, aber diese Wahrheiten griffen nicht ineinander. Sie waren nicht gleich.“

Ein Jahr später hat sich die Aufregung gelegt. Wer zurückblickt, erkennt vielleicht, dass die objektive Wahrheit manchmal unmöglich zu finden ist. Und dass Prozesse besser im geschützten Raum des Gerichtssaals ihr Urteil finden.

Netflixwoche Redaktion