„Es gibt intelligenten Spuk“ - Ein Geisterjäger erklärt, wie realistisch Lockwood & Co. ist

Ob Damen mit weißen Kleidern und traurigem Blick oder neblige Fratzen, die aus der Dunkelheit preschen, um Rache an den Lebenden zu nehmen: Jeder kennt Geistergeschichten. Aber kaum jemand ist schon mal einem Geist begegnet. Andreas Schipper schon. Er ist Mitgründer von AnDaPaVa, einem Team, das sich der Erforschung und Dokumentation paranormaler Ereignisse widmet.

Weil in der Serie Lockwood & Co. die Welt der Verstorbenen zu einer tödlichen Bedrohung für die Lebenden wird, wollten wir von Andreas wissen: Wie realistisch ist die Geisterjagd in der Serie eigentlich dargestellt? Gibt es übernatürlich begabte Menschen? Und natürlich: Wie wird man einen Geist wieder los?

Netflixwoche: Herr Schipper, haben Sie eigentlich Angst vor Geistern?

Andreas Schipper: Nein! Muss man auch nicht. Es gibt keinen einzigen bewiesenen Todesfall auf der Welt, der einem Geistwesen nachgewiesen werden konnte. Außerdem wäre das nicht sehr hilfreich. Ein Kammerjäger, der Angst vor Insekten hat, wäre im falschen Job.

Sie arbeiten als paranormaler Ermittler, Sie müssen es wissen: Was ist ein Geist eigentlich?

Geister sind eine Form von Energie, geleitet durch Emotionen. Der Begriff „Geist“ ist dabei eigentlich ein unpräziser Oberbegriff. Ich rede lieber von Entitäten oder Geistwesen. Menschliche wie nicht-menschliche. Verstorbene Seelen sind der Klassiker. Aber es gibt auch Natur-Energien oder Entitäten, die aus negativen Emotionen und Taten entstehen. In der Geschichte werden letztere immer wieder Dämonen genannt. Da muss man sich aber keinen gehörnten kleinen Teufel vorstellen, sondern negativ aufgeladene Energie.

In der Serie Lockwood & Co. jagen Teenager Geister, die Menschen bei Berührung töten. Wie realistisch ist die Geisterjagd in der Serie?

Das ist natürlich Fantasie, obwohl es mir Spaß gemacht hat, die Serie zu schauen. Geisterjagd ist in der Serie eine Sache, die von den medialen Begabungen der Jugendlichen abhängt. Und obwohl es meiner Meinung nach durchaus medial begabte Menschen gibt und sie auch eine Rolle in unseren Untersuchungen spielen, benutzen wir in der Realität vor allem Technik. Auch Schwerter und Eisenketten, wie sie in der Serie zum Einsatz kommen, haben dabei eher nichts verloren.

Wie läuft ein typischer Auftrag bei Ihnen ab?

Ganz ähnlich wie in der Serie melden sich Menschen bei uns mit einem Problem, das sie sich nicht erklären können. Schranktüren fliegen auf, jemand sieht Schatten oder hört Stimmen. Nach einem ersten Gespräch schicken wir erstmal einen Fragenkatalog. Diese Fragen beziehen sich zum einen auf die Location. Interessant ist zum Beispiel das Alter der Rohre und Leitungen. Wir stellen aber auch Fragen zum Leben der Bewohner. Wie alt sind sie? Wie ist ihre medizinische Geschichte? Gibt es Haustiere? Im nächsten Schritt sprechen wir mit den Klienten und bieten an, dass ein Medium aus der Distanz das Problem untersucht. Dann folgt der Termin vor Ort.

Was passiert dabei?

Wir bringen einige Geräte mit. Simple Sachen wie Infrarotkameras, bewegungsgesteuerte Kameras, Audiorecorder. Aber auch Geräte, die Radiowellen, Magnetfelder, Luftdruck und Temperatur messen können. Dann machen wir ein Base-Reading.

Was ist denn ein Base-Reading?

Wir identifizieren Störfaktoren. WLAN-Router zum Beispiel, oder schlecht isolierte Stromleitungen, die Strahlung aussenden und die Messungen beeinflussen könnten. Das ist unbedingt notwendig. Wir hatten mal einen Fall, da meldete ein Paar viele Probleme: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Bewegungen in den Schatten, plötzlich abfallende Temperaturen. Als wir uns das dann angeschaut haben, mussten wir feststellen, dass sie aus ihrem Schlafzimmer eine Technikzentrale gemacht hatten. Laptops, Computer, Ladegeräte, Radiowecker. Wir haben ihnen geraten, den Kram erstmal auszuräumen. Drei Tage später war der „Spuk“ dann vorbei.

Wie oft passiert es bei Ihnen, dass Sie an einer Location keine paranormalen Aktivitäten finden?

In nur 10 Prozent der Fälle. In 90 von 100 Fällen finden wir Aktivität vor. Und wir bekommen immer mehr Aufträge.

Wie machen sich die paranormalen Aktivitäten dann bemerkbar?

Zum Beispiel, wenn sich etwas scheinbar von selbst und ohne messbare äußere Einwirkung bewegt. Zum Beispiel ein Glas, das ohne angefasst zu werden vom Tisch fällt. Das sind Poltergeistphänoåçmene. Obwohl es eigentlich gar keine Poltergeister gibt, sondern nur Geister, die Poltern. Dann gibt es das Körperlose-Stimmen-Phänomen: Geräusche, deren Ursache man nicht finden oder erklären kann. Und elektronische Stimmen-Phänomen, die EVPs. Dabei tauchen Stimmen in Aufnahmen auf, die in der Situation nicht zu hören waren. Es gibt das Spinnenweben-Phänomen, bei dem man plötzlich das Gefühl hat, durch Spinnenweben gelaufen zu sein. Lichtphänomene, Orbs, bei denen man aber sehr vorsichtig sein muss – das ist meistens lichtreflektierender Staub. Ganzkörper-Erscheinungs-Phänomen. Dabei sieht man Gestalten. Meistens in Schattenform.

Geister haben also eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten, die reale Welt zu beeinflussen. Können wir denn auch mit ihnen kommunizieren? In der Serie kann Lucy zum Beispiel mit manchen Geistern sprechen.

Es gibt intelligenten Spuk – Entitäten, die Antworten geben, wenn man die richtigen Reize sendet. Eine Interaktion kann man auf technischen oder medialen Weg anstoßen. Dann gibt man dem Geisterwesen eine bestimmte Aufgabe. Es soll ein Lämpchen anmachen, einen Gegenstand bewegen, eine Taschenlampe einschalten, etwas sagen. Wenn die Reaktionen einem intelligenten Muster folgen, können wir daraus schließen, dass wir mit einem denkenden Wesen Kontakt aufgenommen haben.

Und wie wird man den Spuk dann los?

Wenn man weiß, womit man es zu tun hat, gibt es verschiedene Ansätze. Menschliche Geistwesen kann man – anders als in der Serie – nicht einfangen und eliminieren. Denn sie haben ihren eigenen Willen. Man kann das Geistwesen aber einfach darum bitten, zu gehen. Respektvoll, aber bestimmt. Manchmal hören sie darauf. Wenn nicht, muss man einen Kompromiss finden. Denn es gibt immer einen Grund für einen Spuk. Den muss man identifizieren. Das sind oft aufgestaute Emotionen, ungelöste Konflikte oder letzte Botschaften, die vermittelt werden sollen.

Können Sie bei all dem alltäglichen Spuk noch Horrorfilme genießen?

Spaß macht es schon, realistisch ist davon nichts! Wobei bei Stephen Spielbergs Poltergeist die paranormalen Ermittler immerhin mit Kameras und Bewegungsmeldern arbeiten. Das ist durchaus realistisch. Das Seil, das in eine andere Dimension hängt, allerdings eher weniger.

Netflixwoche Redaktion