Wie ein Pfleger über 16 Jahre hinweg morden konnte: Die wahre Geschichte hinter The Good Nurse

Charles Cullen ist der gefährlichste Serienmörder in der Geschichte von New Jersey, vor dem niemand Angst hatte. Denn seine Taten schrieben jahrelang keine Schlagzeilen, die Morde wurden als natürliche Tode abgetan. Niemand wusste, dass der Pfleger mindestens 29 Menschen tötete. So viele Morde wurden ihm nachgewiesen – doch die Ermittler vermuten, dass Charles Cullen bis zu 400 Menschen ermordet haben könnte.

Der neue True-Crime-Thriller The Good Nurse (mit Eddie Redmayne und Jessica Chastain in den Hauptrollen) erzählt seine Geschichte – und bleibt nah an der grausamen Realität.

So begann Charles Cullen zu töten

Für Charles Cullen begannen im Jahr 1987 zwei Karrieren gleichzeitig, die beide 16 Jahre später auch zur selben Zeit enden würden: Die des Krankenpflegers und die des Mörders.

Nachdem Cullen die Krankenpflegeschule des Mountainside Hospitals in Montclair, New Jersey, abgeschlossen hatte, bekam er eine Stelle beim Saint Barnabas Medical Center in Livingston. Dieses Krankenhaus sollte der Ort seines ersten Mordes werden: Er wählte den eingewiesenen Richter John W. Y. und verabreichte ihm intravenös eine tödliche Dosis Insulin. Verdacht schöpfte zunächst niemand, plötzliche Todesfälle kommen in einem Krankenhaus vor.

Doch nach nur etwas mehr als vier Jahren kündigte Cullen diesen Job wieder, da die Krankenhausleitung begann, misstrauisch zu werden. Der Grund: Seitdem der junge Krankenpfleger dort arbeite, starben auf seiner Station nachweislich elf Patient*innen an einer Überdosis Insulin.

Bereits im nächsten Monat stand Cullen wieder in grünem Kittel auf einer Station im Warren Hospital in Phillipsburg. Er mimte den fürsorglichen Pfleger und verabreichte den wehrlosen Patient*innen heimlich Insulin und Digoxin, ein Medikament gegen Herzschwäche. Obwohl eine ältere Dame dem Personal von einem verdächtigen Pfleger berichtete, der ihr im Schlaf etwas injiziert haben solle, richtete niemand den Blick auf Cullen. Der Mann, der von seinem Erscheinungsbild her selbst aussah wie ein Kranker – blass, schmal, ruhig – und der kompetent und hilfsbereit wirkte, blieb unbeachtet.

Niemand hielt Cullen auf. Und so mordete er weiter. Auf der Intensiv- und kardiologischen Station des Hunterdon Medical Center im Raritan Township, im Morristown Memorial Hospital in Morristown und danach noch in fünf weiteren Einrichtungen im Pennsylvania. Bis er 2002 wieder nach New Jersey wechselte, in das Somerset Medical Center.

Wie konnte er immer weiter Arbeit finden?

Obwohl das Krankenhauspersonal an so manchem Ort einen Verdacht hegte, führte keine seiner Taten zu ernsthaften Konsequenzen. Seine Kündigungen wurden seitens der Krankenhäuser stets mit Lappalien begründet, oder mit zu schwachen Leistungen. Seine vorletzte Arbeitsstelle gab an, ihn wegen falscher Informationen in seiner Bewerbung entlassen zu müssen – dabei handelte es sich bloß um eine falsche Monatsangabe einer Arbeitsstelle.

Aufgrund des Fachkräftemangels im Pflegebereich zu der damaligen Zeit fand Cullen immer wieder, meist nach nur wenigen Wochen, eine neue Anstellung. Ein krankenhausübergreifendes System, mit dem die neuen Arbeitgeber*innen Cullens frühere Referenzen oder die Angaben über seine psychische Gesundheit hätten prüfen können, gab es damals noch nicht. Tatsächlich wäre so ein System sogar verboten gewesen: Viele Staaten erlaubten es den Arbeitgebern nicht, Nachforschungen über die Vergangenheit ihrer Bewerber*innen anzustellen. Und so war Cullen bei jedem neuen Jobantritt ein unbeschriebenes Blatt.

Wer war dieser blasse, kranke Mann?

Charles Cullen wurde 1960 in West Orange, New Jersey, als jüngstes von acht Kindern geboren. Seine Familie war streng religiös, doch vom Unglück verfolgt: Der Vater starb, als Charles gerade mal ein paar Monate alt war. Zwei seiner Geschwister starben kurz darauf und auch die Mutter überlebte Cullens 18. Geburtstag nicht. Bereits im frühen Kindesalter versuchte Cullen sich das erste Mal umzubringen, indem er Chemikalien aus einem Chemie-Baukasten trank. Im Laufe seines Lebens würde er mehr als 20 weitere Suizidversuche begehen.

Seine mentale Labilität begleitete Cullen durch sein gesamtes Leben. Innerhalb der U.S. Navy wurde er deshalb mehrfach versetzt. Im März 1984 führte einer seiner Selbstmordversuche zu seiner Entlassung. Daraufhin schrieb er sich an der Schule für Krankenpfleger ein und trat direkt danach seinen ersten Job an.

Noch im gleichen Jahr heiratete er Adrienne Taub, über die nur wenig bekannt ist. In ihrer sechsjährigen Ehe bekamen die beiden zwei Töchter. Nach der Scheidung reichte Taub gegen Cullen eine einstweilige Verfügung wegen häuslicher Gewalt ein. Sie warf ihm unter anderem vor, er habe immer wieder Getränke mit dem Benzin vergiftet – ein wichtiges Alarmsignal, das seine Arbeitgeber*innen nie erreichte.

Trotz dieses wechselhaften Lebens mit vielen Begegnungen mit unterschiedlichen Leuten bewahrte Cullen stets Distanz. Sie wurde zu seinem Werkzeug. Bis er jemanden zu nah an sich ran ließ.

Wie eine alleinerziehende Mutter der Polizei half, einen Serienmörder zu fangen

Amy Loughren (in The Good Nurse gespielt von Oscar-Gewinnerin Jessica Chastain) und Charles Cullen lernten sich auf der Intensivstation des Somerset Medical Centers kennen. Die langjährige Krankenschwester war zu dem Zeitpunkt alleinerziehende Mutter zweier Töchter, die vor allem in Nachtschichten arbeitete, um tagsüber für ihre Kinder da sein zu können.

In The Good Nurse sehen wir, wie sie einen alten Mann bei seiner todkranken Frau übernachten lässt – obwohl das gegen die Regeln verstößt und sie Ärger mit ihrer Chefin bekommt. Für sie kommen die Schwächeren immer zuerst. Eine Eigenschaft, die sie mit ihrem neuen Kollegen Charles zu teilen meint: Sie beide haben zwei Töchter, einen trockenen Sinn für Humor und teilen selbstlos das wenige, das sie haben. „Du bist wie ich,“ sagt Amy im Film zu Charles.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Natürlich war die echte Amy Loughren darum skeptisch, als sie mit dem ersten Verdacht gegen Cullen von den Ermittlern konfrontiert wurde. Ihr Freund, ein Mörder?

Doch der Kommissar legte Loughren eine Auflistung der Namen und Dosierungsinformationen von Medikamenten vor, die ihr Kollege Cullen im Dienst auf der Intensivstation angefordert hatte. „Es war sehr, sehr offensichtlich, dass etwas nicht stimmte“, sagt Loughren gegenüber People. „Es liegt einfach nicht in meiner Natur, einen meiner Freunde zu verraten, aber natürlich wusste ich, dass ich es tun musste.“ Und so begann sie, die Ermittlungen zu unterstützen. Trotz der Gefahr, selbst Schaden davonzutragen.

Als Amy Loughren in The Good Nurse in die Verhörzelle zu Cullen geführt wird, ist ihre erste Frage an den Polizisten: „Könnt ihr ihm bitte die Handschellen abnehmen?“ Und ihre erste Frage an Cullen ist: „Bist du okay?“

So hat auch Schauspielerin Jessica Chastain die wahre Amy Loughren wahrgenommen: beeindruckend empathisch, und bereit, selbst in einem Serienmörder den Menschen zu sehen. Die Rolle war für Jessica Chastain besonders herausfordernd, erzählte sie in Interviews:  „Ich habe schon oft Frauen gespielt, die es wirklich gab – aber noch nie hat mir eine von ihnen dabei live zugesehen.“ Amy Loughren war bei den Dreharbeiten von The Good Nurse dabei.

Letztendlich war es Loughren, die es schaffte, dass Cullen sich ihr öffnete. Ihre Empathie war es, die ihn schließlich zu einem Geständnis bewegte.

In Anwesenheit eines Polizeibeamten gestand der Krankenpfleger, gemordet zu haben. Er habe die Menschen „von ihrem Leiden erlösen“ wollen. Doch die Fakten sprechen gegen ihn: Nicht alle seine Opfer waren todkrank – einige standen kurz vor ihrer Genesung.

Nach seinem Geständnis wurde Cullen wegen 29 Morden zu 11 aufeinanderfolgenden lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass er für weitaus mehr Morde verantwortlich ist. Doch Klarheit darüber wird es für die Familien und Angehörigen nie geben.

Netflixwoche Redaktion