Diese fünf Filme und Serien werden von den meisten Fans missverstanden

Manche Figuren wirken wie der feuchte Traum eines frauenhassenden Fanboys. Tyler Durden aus Fight Club, mit seinem Sixpack und coolen Sprüchen. Walter White, der knallharte wie brillante Drogenboss. Oder Jordan Belfort in The Wolf of Wall Street, mit seiner Luxusyacht und der Rolex am Arm.

All diesen Figuren ist gemeinsam, dass sie von zigtausenden von Fanboys verehrt werden – und von diesen völlig missverstanden werden. Die Botschaften der Filme lauten in Wahrheit völlig anders, als sie in der Popkultur zitiert werden. Und die vermeintlichen Alpha-Typen stellen sich darin oft als die größten Looser von allen heraus.

Von Fight Club bis Matrix: Das sind die fünf am heftigsten missverstandenen Klassiker der Filmgeschichte – und ihre wahren Botschaften.

1. Fight Club

David Finchers Fight Club ist vielleicht der Film, der am häufigsten aus den falschen Gründen verehrt wird: Viele (männlichen) Fans glauben, der namenlose Erzähler und Tyler Durden würden sich gegenseitig auf die Fresse hauen, weil die beiden in einer verweichlichten und verweiblichten Gesellschaft leben. Weil sie zu einer Generation von Männern gehören, die nur von Frauen aufgezogen wurden, wie es an einer Stelle im Film heißt. Bare-Knuckle-Fights als einzige Möglichkeit, sich heute noch als Mann zu spüren. Als wäre Fight Club ein Film über eine Männerrechtsbewegung.

Das ist natürlich Schwachsinn. Fight Club ist zuerst ein kommunistischer Film.

Der namenlose Protagonist geht einem Bullshit-Job in einem tristen Büro nach und ist von seiner eigenen Arbeit entfremdet. Gleichzeitig lebt er in einer Welt, in der alles zur Ware verkommen ist. Deshalb kann er sich nur noch über die Produkte, die er kauft, definieren. Wie er sagt: „Wir sind Konsumenten. Wir sind Abfallprodukte der allgemeinen Lifestyle-Obsessionen.“

Er leidet nicht an einer verweiblichten Gesellschaft. Er leidet am Neoliberalismus. Und zwar so stark, dass er depressiv wird und Selbsthilfegruppen besucht, um wenigstens noch irgendetwas zu spüren. Die Männer im Fight Club prügeln sich nicht, um sich als Männer zu fühlen. Sie versuchen, den Kapitalismus aus sich herauszuschlagen.

Fight Club ist also ein antikapitalistischer Film. Aber nicht nur. Der Film lässt noch eine zweite Interpretation zu: unterdrückte Homosexualität. Der namenlose Protagonist, der unfähig ist, eine Beziehung zu einer Frau zu führen, will sich nicht eingestehen, dass er Männer liebt. Deshalb imaginiert er sich Tyler Durden herbei. Einen Schönling mit definierten Muskeln und strahlend weißen Zähnen.

Wenn der Protagonist und Durden sich mit freien, verschwitzten Oberkörpern prügeln, haben sie eigentlich Sex. Nur dass anstelle von anderen Körperflüssigkeiten Blut fließt. Nachdem die Honeymoon-Phase vorbei ist, ziehen die zwei sogar zusammen und führen ein Leben wie ein altes Ehepaar.

2. Breaking Bad

In Deutschland, sagen deutsche Fans gerne, wäre Breaking Bad nach einer halben Episode vorbei gewesen. Weil hier niemand zum Drogenhändler werden muss, um sich eine Chemotherapie zu leisten. In Deutschland wäre Walter White ein netter, aber harmloser Chemielehrer geblieben.

Die Sache hat nur einen Haken: Walter White war nie nett, nie harmlos, und das amerikanische Gesundheitssystem allein ist nicht schuld an seiner Drogenkarriere. Klar, Breaking Bad hält dem Gesundheitssystem der USA den Spiegel vor. Doch wirklich spannend wird die Serie in dem Moment in Staffel eins, in dem sich zeigt: Walter White hätte eine Wahl gehabt. Er war nur zu stolz, sie anzunehmen.

In der fünften Folge der ersten Staffel bietet sein ehemaliger Geschäftspartner Elliott Schwartz Walter einen Job in seinem milliardenschweren Unternehmen an. Alle Probleme wären gelöst. Doch Walter – der seine Unternehmensanteile für nur 5.000 Dollar verkauft hatte – ist zu stolz, und lehnt ab.

Schon hier hätte Zuschauer*innen auffallen können, was für ein Typ Walter White wirklich ist. Nicht der Held, der gar nicht anders kann, als kriminell zu werden. Und nicht der treue Vater, der alles nur für seine Familie tut. Sondern ein vom Stolz getriebener und vom Ehrgeiz zerfressener Soziopath. Einer, der später ein Kind vergiften und sich mit Neonazis verbünden wird. Der zusieht, während die Geliebte seines Partners Jesse wegen einer Überdosis an ihrer eigenen Kotze erstickt.

Doch Walter White wird auch heute, Jahre nach der letzten Staffel, vor allem gefeiert und bewundert. Als Genie. Als brillanter Geschäftsmann. Als der, der alles erreichen kann – wäre da nicht ein nerviges Hindernis: seine Frau Skyler.

Selten wurde eine Serienfigur so gehasst wie Skyler White. Beschimpfungen von Fans als „Bitch“ und „kreischende Hyäne“ gehören zu den harmloseren Beleidigungen, wie ihre Darstellerin Anna Gunn 2013 in einem Gastbeitrag in der New York Times erzählte.

Dabei wollte Vince Gilligan, der Schöpfer von Breaking Bad, mit Skyler von einer Frau mit einem Rückgrat aus Stahl erzählen. Die ihrem Ehemann ebenbürtig ist. Und die im Grunde recht hat, wenn sie Walter widerspricht, wenn sie Angst um ihre Familie hat. Wie Walter White im Finale auch zugibt: „Ich habe es für mich getan.“

Zumindest kann niemand sagen, man sei nicht von Anfang an gewarnt gewesen.

3. The Wolf of Wall Street

In Martin Scorseses The Wolf of Wall Street wird ein junger Broker zum Multimillionär und lebt ein Leben zwischen Privatjachten und Members-Only-Golf-Clubs. Zwischendurch zieht er kiloweise Kokain, gibt tausende US-Dollar für Escort-Dienste aus und sagt ebenso viele Male „fuck“. Der Film basiert auf der gleichnamigen Biografie von Jordan Belfort, der 1998 wegen Geldwäsche, Marktmanipulation und Wertpapierbetrugs zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Für viele Crypto-Bros, BWL-Justusse und selbst ernannten Business-Coaches ist Belfort bis heute ein Vorbild.

Auf TikTok hat Belfort mittlerweile Motivationstrainer, 3.6 Millionen Follower*innen. Doch das Martin Scorsese Belfort mit The Wolf of Wall Street alles andere als ein Denkmal gesetzt hat, scheinen viele von Belforts Anhänger*innen nicht zu verstehen: Sie sehen nur das Luxusleben, das Belfort im Film (und im echten Leben) führt. Und nicht die Gesellschaftskritik, die dahintersteht.

Eigentlich geht es in Scorseses Film um Dekadenz. Wie im alten Rom sehen wir eine Gesellschaft, die sich selbst überlebt hat und der nichts mehr einfällt, als sich zu Tode zu feiern. Die Macht, die Belfort hat, ist bloß eine symbolische Macht. Er mag glauben, „oben“ angekommen zu sein. Aber wenn man ihm die Luxusautos, die Rolex Daytona und die Maßanzüge wegnimmt, dann bleibt von Belfort nicht mehr viel: Nur ein trauriger Mann, der Kleinanleger*innen abzocken muss, um sich selbst gut zu fühlen.

Das Einzige, was Belfort im Leben hat, sind seine Statussymbole. Darin liegt die Tragik des Films: Belfort kann so viel Geld auf die Welt schmeißen, wie er will. Sie wird ihm nichts zurückgeben, weder Hoffnung noch Liebe. Deshalb betäubt Belfort sich konstant mit Drogen: Ein Lamborghini kann dich nicht lieben. Er kann nur die Lüge transportieren, dass du „es“ geschafft hast.

Die Verlierer sind im Film nicht all die namenlosen Kleinanleger*innen, die Belfort um ihr Geld prellt. Sondern Belfort selbst. Ein Mann, der seine gesamte Persönlichkeit auf Sinnsprüchen aufbaut, die auch aus dem Mittleren-Management-Seminar der Kreissparkasse Oberschleißheim stammen könnten: „Die einzige Sache, die zwischen dir und deinem Ziel steht, sind die Bullshit-Ausreden, die du dir ständig selbst erzählt.“ Ach, was.

In einer Stelle in The Wolf of Wall Street geht der junge Jordan Belfort, noch ein erfolgloser Broker in der Ausbildung, mit einem anderen, erfahrenen Broker Mittagessen. Die zwei unterhalten sich. Über Geld, Aktien und Kokain. Und plötzlich sagt der Broker einen Satz, der die gesamte Sinnlosigkeit und Leere in Belforts Leben perfekt zusammenfasst: „Das ist alles ein Fugyazi, Fugazi… Das ist alles Feenstaub! Es existiert nicht. Es ist nie gelandet. Es ist einfach nicht real!“ Das Geld, der Luxus, die Sinnsprüche: Alles, was Belfort zu haben meint, ist bloß Feenstaub. Man muss nur einmal pusten. Dann ist es weg.

4. Matrix

Unter den Anhänger*innen der Alt-Right-Bewegung wird ein Satz wie ein Mantra zitiert: „Nimm die rote Pille.“

Das Zitat spielt natürlich auf die Matrix-Filme an. Hauptcharakter Neo steht am Anfang vor einer Wahl: Entweder er schluckt die rote Pille, und erkennt die bittere Wahrheit, dass die Welt um ihn herum nur eine Lüge ist. Oder er nimmt die blaue, und darf weiter unbehelligt in der Simulation leben.

Wie Neo, so haben auch sie die rote Pille geschluckt – das wollen Anhänger*innen der Alt-Right-Bewegung mit dem Mantra sagen. Sie meinen erkannt zu haben, dass die Welt heimlich von bösen Kräften beherrscht wird – in den Matrix-Filmen die Maschinen, im echten Leben wahlweise Feministinnen, linke Strömungen, Corona-Maßnahmen oder andere „Feinde“ der Rechten.

Als Lilly Wachowski sah, wie das ikonische Bild aus ihren Filmen von anderen – in dem Fall Menschen wie Ivana Trump – missbraucht wird, platzte ihr der Kragen:

Lilly Wachowski ist wie ihre Schwester Lana eine Transfrau und hat gemeinsam mit Lana Matrix geschaffen. Im Sinne hatte sie eine Geschichte, die ungemein komplexer ist als das einfache Bild, das oft zitiert wird. Im Kern steht die Frage: Was ist Realität? Die Zuschauer*innen sollen alles hinterfragen – und immer genau dann verunsichert werden, wenn sie meinen, den Code der Matrix durchschaut zu haben. Ist Neo wirklich der Held? Ist er überhaupt ein Mensch? Sind die Maschinen wirklich böse? Wann weiß ich, ob ich etwas weiß? Wer bin ich?

Wie gut diese komplexen philosophischen Konzepte letztlich im Film rüberkommen, das ist natürlich eine andere Frage. Die Nachfolger-Filme des gefeierten ersten Teils gelten nach wie vor als die wohl zweitgrößte Enttäuschung der Filmgeschichte (nach den Star Wars-Prequels).

Und Matrix erlitt dasselbe Schicksal wie V wie Vendetta, ein anderer Film der Wachowski-Schwestern: Die Ästhetik der Filme wird zitiert, doch der wahre Inhalt geht verloren. Übrig bleibt nur das Bild der roten Pille. Oder die Guy Fawkes-Maske aus V wie Vendetta, die sich Schreibtisch-Rebellen für 6,99 Euro auf Amazon bestellen – und glauben, damit wie V im Film gegen „die da oben“ zu kämpfen.

5. Scarface

„Was Rap, du siehst aus wie Tobey Maguire, Bladi Musik, ich bin Tony Montana“.

„Ich komm von ganz unten und geh über Leichen wie Tony Montana“.

„Ich will die Welt und das was drin is, so wie Tony, der zu viel Koks schnieft und wenn er rot sieht, losschießt.“

Das alles sind Zeilen aus Rap Songs von Farid Bang, Fler und Genetikk. Tony Montana, der Mann, mit dem die drei sich vergleichen, ist die Hauptfigur in Brain De Palmas Scarface von 1983.

Scarface gilt heute als klassischer Gangsterfilm: 170 Minuten lang können wir dem Kubaner Tony Montana (gespielt von Al Pacino) dabei zu sehen, wie er vom Tellerwäscher zum mächtigsten Drogenbaron Miamis aufsteigt — und am Ende nicht nur sein Leben verliert. Sondern auch alle Menschen, die ihm einmal wichtig waren: seinen besten Freund, seine Schwester, seine Frau. Doch eigentlich ist Scarface gar kein Gangsterfilm. Sondern ein queeres Melodrama mit Überlänge.

Wenn man die Action-Sequenzen in Scarface außer acht lässt, die blutigen Schießereien und das „Don’t get high on your own supply“-Gelaber, dann geht es in dem Film vor allem uns eines: um Tony Montanas Gefühlswelt.

Als Tony seine spätere Frau Elvira Hancock (gespielt von Michelle Pfeiffer) zum ersten Mal sieht, hören wir pathetische Musik. Wir können beobachten, wie Tonys Blick auf Elvira fällt, die ein rückenfreies Kleid trägt und einen gläsernen Fahrstuhl betritt. Die Kamera zoomt langsam auf Tonys Gesicht. Eine Einstellung, die im Film anzeigt, dass wir in die Gefühlswelt einer Figur eintauchen: Tony ist schockverliebt.

Aber wie in jedem guten Melodrama muss die Liebe zwischen Tony und Elvira zunächst unerfüllt bleiben. Deshalb erfahren wir schon wenige Sekunden später, dass Elvira die Frau von Tonys Boss Frank Lopez ist, einem Drogendealer. Scarface erzählt uns über weite Strecken eine Dreiecksgeschichte über die verbotene Liebe zwischen Tony und Elvira. Eine Liebe, die nur in Form von kurzen, scheinbar unabsichtlichen Berührungen und schmachtenden Blicken existieren darf. Herzschmerz pur.

Gleichzeitig hat Tony aber noch einen zweiten Schwarm: seinen besten Freund Manolo „Manny Ray“ Ribera. Mit Manny, einem großgewachsenen, normschönen Mann, spricht Tony am liebsten über Frauen, Geld und Sex. Und wie bei Fight Club hat man das Gefühl: Hier wird eine latente Homosexualität kompensiert. Eigentlich wollen die beiden sich einfach nur küssen. Die sexuelle Spannung zwischen Tony und Manny geht so weit, dass Manny irgendwann mit Tonys Schwester ein Verhältnis anfängt, um — so kann man hinzufügen — jedenfalls mit einem Familienmitglied der Familie Montana intim zu werden.

Als Tony von dem Verhältnis erfährt, erschießt er Manny. Vordergründig will uns der Film weismachen, dass Tony seinen besten Freund umbringt, weil er den Verdacht hat: Manny habe ihn an die Polizei verraten. Doch das Einzige, was Manny in Wirklichkeit „verraten“ hat, ist seine bedingungslose Liebe zu Tony. Tony Montana, ein Mörder aus Leidenschaft. Wie in fast allen Melodramen lässt uns der Film mit einem Gefühl des Es-hat-nicht-sein-dürfen zurück. Tony Montana verpasst seine große Liebe. Wenn der Abspann über den Bildschirm läuft, bleibt nur noch Tonys unerfüllte Sehnsucht zurück. Der Stoff, aus dem Melodramen sind.

Netflixwoche Redaktion