„Es ist eine Emanzipation“ - Sissi-Darstellerin Devrim Lingnau im Gespräch

Jedes Kind im deutschsprachigen Raum kennt die Geschichte von Sissi. Oder besser: Die Geschichte der Kaiserin Elisabeth. In der neuen Serie Die Kaiserin spielt Devrim Lingnau die berühmte Monarchin – aus einem bewusst modernen Blickwinkel.

Mit Netflixwoche hat die Schauspielerin darüber gesprochen, was die Rolle der Sissi eigentlich mit Emanzipation zu tun hat, wie schwierig es ist, in opulenten Kleidern zu reiten und wie sie durch Romy Schneider einen unerwarteten Zugang zu Kaiserin Elisabeth fand.

Liefen bei dir früher an Weihnachten auch immer die alten Sissi-Filme mit Romy Schneider, oder hattest du damit gar nichts am Hut?

Also ich hatte die Filme tatsächlich noch nicht gesehen, bevor ich die Rolle übernahm. Und auch danach habe ich sie mir nicht direkt angeschaut, weil ich das Gefühl hatte, sie könnten mir vielleicht zu sehr imponieren. Mittlerweile habe ich sie gesehen und ich glaube, diese Reihenfolge war eine gute Entscheidung.

Du hast dich also ausschließlich an der historischen Figur der Kaiserin Elisabeth orientiert?

Vorwiegend, ja. Aber was mich schon beschäftigt hat, ist die Stigmatisierung, die mit der Rolle der Sissi einherging. Romy Schneider wurde ja in ihre Rolle gedrängt, bis sie sie irgendwann nicht mehr ablegen konnte. So komisch es klingt – das hat mir dabei geholfen, Elisabeth besser zu verstehen. Schließlich wurde von ihr auch eine gewisse Art zu leben erwartet, die sie nicht erfüllen wollte. Diesen Leidensdruck nehme ich bei beiden Frauen wahr. Am Ende ist die Frage, ob man sich an der historischen Figur oder der Darstellung von Romy Schneider orientiert in mancher Hinsicht gar nicht so relevant. Denn es gibt viele Parallelen zwischen den beiden.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe viel Literatur gelesen und mich mit den politischen und sozialen Gegebenheiten der Zeit auseinandergesetzt. Wir hatten auch Historiker, mit denen ich mich austauschen konnte. Ganz wichtig für mich war aber auch die Fragen: „Was möchte ich Neues mit in die Rolle bringen? Welche Aspekte sind aus heutiger Sicht besonders erzählenswert?"

Welche waren das?

Elisabeths Freiheitsbedürfnis. Ihr Drang, die Welt zu entdecken. Das war in meiner Interpretation sehr wichtig. Ihr Mut nach vorne zu treten. Die Kaiserin in der Serie ist also letztendlich eine Fusion aus historischem Material und dessen moderner Interpretation. Jeder Film ist ein Produkt seiner Zeit und Ausdruck deren gesellschaftlicher Bedürfnisse. In 50 Jahren wird es vielleicht wieder eine Sissi-Interpretation geben, für die ganz andere Aspekte erzählenswert sind. Deshalb hat jede Interpretation ihre Daseinsberechtigung.

Wenn man Die Kaiserin sieht, hat man das Gefühl, dass Elisabeth nicht wirklich in ihre Zeit zu passen scheint. Erzählt die Serie auch eine Geschichte von Emanzipation?

Emanzipation ist ja an sich erstmal eine Bewegung weg von etwas. Der Wunsch, sich zu befreien. Ich glaube, dieser Wunsch ist auf jeden Fall bei Elisabeth vorhanden. Possenhofen ist ein Umfeld, in dem sie sich nicht gesehen und verstanden fühlt. Sie muss da raus. Insofern ist es eine Emanzipation. Es gibt für Elisabeth gar keine andere Möglichkeit, als zu versuchen, dort auszubrechen. Aber so ist es ja eigentlich bei allen gesellschaftlichenThemen, wo sich etwas weiterentwickelt. Die Revolution passiert, weil man den Status Quo nicht länger ertragen kann.

Gab es eine Szene, die dir besonders viel Spaß gemacht hat?

Es gab ganz viele Szenen, die sehr viel Spaß gemacht haben! Von meiner absoluten Lieblingsszene war ich drei Tage lang elektrisiert. Das war die Szene, in der Elisabeth mit der Bevölkerung interagiert. Es waren mehrere Hundert Komparsen vor Ort und die Energie war überwältigend. Ich stand in der Mitte, umringt von vielleicht 200 Leuten, die mich alle angeguckt haben. Sowas habe ich noch nie erlebt, dass man sich mit einer Menschenmenge so verbunden fühlen kann. Einer der wahnsinnigsten Momente beim Dreh! Und dabei ist dann auch eine Improvisation entstanden, die es tatsächlich auch in die finale Version geschafft hat.

Letzte Frage: Was war die größere Herausforderung beim Dreh, die Pferde oder die opulenten Kostüme?

Beides für sich war schon eine Herausforderung. Aber wenn dann Pferd und Kleid zusammenkamen, dann hat mich das an meine Grenzen gebracht!

Netflixwoche Redaktion