„Zaungast in der Wiener Unterwelt“ – Crooks-Showrunner Marvin Kren im Interview

Charly und Joseph haben ein Problem. Oder besser gesagt: jede Menge. Die beiden Einzelgänger haben sich gerade erst bei einem Raub kennengelernt. Doch dabei ist alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte – und jetzt werden Charly (Frederick Lau) und Joseph (Christoph Krutzler) von den gefährlichsten Gangstern Europas quer über den Kontinent gejagt. Ein Berliner Clan ist hinter ihnen her, eine serbische Einbrecher*innenbande, ein Wiener Rotlicht-König und ein mysteriöser Meisterdieb.

Die neue Gangster-Serie Crooks erzählt die Geschichte von zwei Männern, die sich in einer rauen Verbrecherwelt zusammenschließen müssen, um zu überleben, und dabei zu Freunden werden. Zum Start der Serie haben wir mit Marvin Kren gesprochen, dem Showrunner von Crooks. Ein Netflixwoche-Interview über Spielschulden, die Wiener Unterwelt und die Frage, wie man einen Gangster spielt.

Angenommen, Du hättest 75.000 Euro Spielschulden und müsstest das Geld bis morgen früh auftreiben. Bei welchem Clan aus Crooks würdest Du es Dir leihen?

Marvin Kren: Bei keinem! Die Zinseszinsen will man nicht haben. Ich würde zu einer Bank gehen und einen Kredit aufnehmen.

Die Idee zu Crooks stammt von Dir. Was hast Du gemacht, als Dir der erste Geistesblitz dazu kam?

Das war während des ersten Corona-Lockdowns. Ich hatte für Netflix gerade Freud abgedreht und habe mir zu Hause alte Kriminalfilme aus Frankreich angeschaut. Dabei ist mir Der Panther wird gehetzt in die Hände gefallen.

Ein Gangsterfilm von Claude Sautet mit Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo in den Hauptrollen, der 1960 erschienen ist.

Genau. Der Film ist düster und ernst erzählt. Er spielt in einer bitterbösen, kriminellen Welt. Aber das Schöne daran ist, dass sich zwischen Ventura und Belmondo trotzdem eine Freundschaft entwickelt. Obwohl die beiden sich gerade erst kennengelernt haben, unterstützen sie sich wie Ehrenmänner. Sogar bis über den Tod hinaus. Diese unverhoffte Männerfreundschaft hat mich inspiriert. Sie war der Startschuss für Crooks.

In Crooks entwickelt sich eine solche Männerfreundschaft zwischen Charly und Joseph. War Dir von Anfang an klar, dass Frederick Lau und Christoph Krutzler die beiden spielen sollen?

Ja, das war klar. Die Serie ist für Frederick und Christoph geschrieben und konzipiert. Aber bei vielen anderen Figuren wusste ich beim Schreiben noch nicht, mit wem ich sie besetze. Beim Casting war es deswegen besonders wichtig, Schauspieler zu finden, die die Gangster-Welt von Crooks verstehen.

Auf der Flucht: Christoph Krutzler und Frederick Lau in Crooks

Die Welt verstehen? Wie meinst Du das?

Das Publikum merkt sofort, wenn jemand nur einen Gangster spielt. Das ist gefährlich. Denn dann wirkt es plötzlich wie Klamauk. Darum muss man beim Casting darauf achten, dass man Schauspieler findet, die einen Teil dieser verbotenen Welt in sich tragen. Die sich wie ein Gangster bewegen und sprechen können. Vor allem in Frankreich hatten wir da richtig Glück!

Ein Handlungsstrang von Crooks spielt in Marseille. Genauer gesagt: im berüchtigten Hochhausghetto Quartier Nord.

Genau. Diese Welt war mir am fremdesten. Doch mit Samir Decazza haben wir einen Schauspieler gefunden, der im Quartier Nord aufgewachsen ist. Sein Bruder ist sogar ein echtes Gangmitglied. Samir wusste alles. Er hat mir erklärt, wie man sich dort verhält. Wie man sich bewegt. Wie man sich kleidet. Wie man spricht und was für Codes es gibt. Das war ein unfassbares Geschenk.

Wusste alles: Samir Decazza in Crooks

In einer Szene in Crooks erklärt Joseph Charly, dass man sich als Wiener für ein Taxiunternehmen entscheiden muss. Entweder 40 100 oder 60 1 60. Das sei eine Glaubensfrage. Du bist selbst Wiener. Welche Nummer wählst Du?

Eindeutig 40 100. Aber der Satz meint eigentlich etwas anderes. Ich war mal Zaungast in der Wiener Unterwelt und saß mit einigen Leuten aus dem Milieu an einem Tisch. Plötzlich kam jemand vorbei, der diesen Leuten nicht geheuer war. Da hat sich einer von ihnen zu dem Typen herüber gelehnt und gesagt: „Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder 40 100 oder 60 1 60.“ Auf Deutsch also: „Verpiss dich!“

Wie wird man denn Zaungast in der Wiener Unterwelt?

Ich bin niemand, der das Verbrechen sucht oder die Nähe zum Milieu. Aber mein Vater war Gastronom. Er hat früher das „Café Engländer“ betrieben. Das war ein Lokal, in das alle möglichen Leute gekommen sind: Künstler, Politiker, Rechtsanwälte, aber auch ein paar Gauner.

Über Eltern sagt man, dass Sie ein heimliches Lieblingskind haben. Geht einem das beim Drehbuchschreiben mit den Figuren auch so?

Ich bin wirklich stolz auf die Figur des Roten.

Ein Gangster aus Wien, der von Karl Welunschek gespielt wird.

Dazu muss man wissen: Welunschek ist eigentlich gar kein Schauspieler. Er war in den 1980er- und 1990er-Jahren Theaterregisseur in Wien und hat sich dann aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Meine Mutter war damals Schauspielerin bei ihm. Als ich noch ein Kind war, habe ich Welunschek deshalb oft bei den Proben beobachten können. Er war der erste Regisseur, dem ich in meinem Leben begegnet bin.

Karl Welunschek als Roter in Crooks

In Crooks hat Welunschek ein enorme Ausstrahlung: Mal ist er charmant und witzig, mal aggressiv und brutal.

Welunschek ist jemand, der die Sprache der Wiener Unterwelt versteht. Er wusste sofort, wie er den Roten spielen muss. Leider ist er kurz nach dem Dreh verstorben und ich konnte ihm Crooks nicht mehr zeigen. Ich habe aber auf seiner Beerdigung eine große Leinwand aufgestellt und seine Szenen abgespielt. Das war extrem traurig, aber auch schön.

Zur Person

Marvin Kren, Jahrgang 1980, hat seine Karriere mit den Horrorfilmen Rammbock und Blutgletscher begonnen. Er war Showrunner und Regisseur bei der ersten Staffel von 4 Blocks und hat für Netflix die Thriller-Serie Freud gedreht. Für seine Arbeit hat Kren zahlreiche Preise erhalten. Er lebt in Wien.

Lennardt Loss, Netflixwoche

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