Christopher, wie wird man Musiker? Der Sänger über A Beautiful Life

Der Fischer Elliott hat nur ein Ziel im Leben: Geld verdienen, um das Boot seiner verstorbenen Eltern zu renovieren. Dafür sortiert er Hummer am Hafen und begleitet seinen singenden Freund Oliver an der Gitarre. Doch als eines Tages Oliver bei einem Gig nicht weitersingen kann, springt Elliott ein und begeistert die Zuschauer*innen. Geboren ist Dänemarks nächster großer Star. Doch will Elliott ein Leben im Scheinwerferlicht überhaupt?

Der Netflix-Film A Beautiful Life erzählt die Aufstiegsgeschichte eines Musikers – mit all seinen Höhen und Tiefen. Der dänische Sänger Christopher verkörpert Elliott. Er ist seit Jahren in der Musikbranche tätig, erreicht selbst Fans in Südkorea –  und das nicht erst seit dem ersten Platz in den Netflix-Filmcharts.

Im Netflixwoche-Interview verrät Christopher, wie ähnlich ihm Elliott ist, wie man heutzutage ins Musikgeschäft kommt und was seine persönliche Herausforderung im Leben ist.

Netflixwoche: Christopher, in dem Netflix-Film A Beautiful Life wird Elliott bei einem Auftritt bei einer Party entdeckt und kurzerhand als Musiker unter Vertrag genommen. Lief das bei dir genauso ab?

Christopher: Ja, meine Karriere verlief fast genauso wie bei Elliott. Ich habe einen Song auf YouTube veröffentlicht – da war ich vielleicht 18, 19 Jahre alt –  und dann kam Warner Music auf mich zu. Das ist jetzt zehn Jahre her und ich habe seitdem fünf Alben aufgenommen. Wir sind also Schritt für Schritt vorangekommen.

YouTube ist die Eintrittskarte ins Musikbusiness?

YouTube, Spotify, SoundCloud – oder jetzt auch Netflix. Es geht darum, deine Geschichte zu erzählen, eine Plattform zu haben – sowie Menschen, die an dich glauben. Aber selbst wenn niemand an dich glaubt, ist es möglich, ein Video von dir auf YouTube hochzuladen. Wenn die Leute damit etwas anfangen können, wenn der Song oder deine Stimme gut genug ist, musst du es einfach versuchen.

Was ist mit dem Spielen auf Partys oder auch in Bars? Ist das heutzutage noch eine Möglichkeit, um entdeckt zu werden?

Das musste man früher machen. Aber jetzt ist die Welt ein Spielplatz: Mit dem Internet und der Globalisierung und der Möglichkeit, dass Millionen von Menschen von dir erfahren können. Ein Post kann viral gehen und du so richtig durchstarten.

Wie wichtig ist noch Social Media für dich, jetzt da du schon durchgestartet bist?

Sehr wichtig, wenn nicht sogar das Wichtigste! Ich komme so mit meinen Fans in Kontakt, lasse sie wissen, wann ich neue Musik herausbringe, wann sie Tickets für meine Show kaufen können.

Hast du durch den Netflix-Film auch einen Zuwachs erlebt?

Ja, mein Instagram ist on fire! In der ersten Woche kamen allein 40.000 Follower hinzu. Ich meine, wir haben diesen Film auf Dänisch gedreht, für ein dänisches Publikum. Und klar habe ich gehofft, dass wir auch außerhalb von Dänemark Menschen erreichen. Aber dass der Film in vielen Ländern auf Platz 1 der Netflix-Filmcharts landet, die Leute anspricht und so richtig durchstartet, damit hätte ich nie gerechnet.

Du bist seit fast zehn Jahren im Musikbusiness. Wie schwer ist es, immer wieder neue Menschen erreichen zu müssen?

Der Druck ist der schwierigste Teil – und auch die Work-Life-Balance. Ich bin mittlerweile Vater von zwei Kindern, wir müssen also die Zeit finden. Aber ich würde sagen, dass es für mich leichter mit der Arbeit geworden ist.

Inwiefern?

Ich habe mich auf eine Reise begeben, um meine Stimme und meine Leute zu finden. Ich habe das Gefühl, dass ich das nicht nur mit dem Soundtrack zu A Beautiful Life zeige – sondern auch mit dem neuen Album, an dem ich gerade arbeite. Es fällt mir leichter, schneller zum Kern einer Geschichte vorzudringen, mit der ich mich identifizieren kann. Und das ist etwas, womit ich in der Vergangenheit ein wenig gekämpft hatte. Aber je älter man wird, desto mehr weiß man, wer man ist; man kennt seine eigenen Stärken und Schwächen.

Wovon wird deine neue Musik handeln?

Eines der Hauptthemen ist, die Balance zwischen Karriere und Familie zu finden. Im Hinterkopf denke ich: Verbringe so viel Zeit mit deinen Kindern wie möglich, denn das wirst du nie bereuen. Gleichzeitig explodieren gerade der Film und der Soundtrack und ich habe das Gefühl, dass ich es versuchen muss, weil ich schon so lange davon träume. Aber es wird so schwer sein, diese Balance zu finden.

Im Film kämpft Elliott ebenfalls mit seiner Work-Life-Balance. Wie viel von Christopher steckt in Elliott?

Elliott und ich sind definitiv zwei verschiedene Menschen. Aber da ich zum ersten Mal schauspiele, kann ich leicht erkennen, wann ich Christopher im Film verkörpere und wann eher mich. In A Beautiful Life bin ich alles, was mit Musik zu tun hat – oder eher witzig sein soll. Elliott hat hingegen einen etwas dunkleren, dramatischen Hintergrund. Ich komme aus einer Kleinfamilie, mit einer Mutter, die mich sehr geliebt hat, während Elliotts Eltern starben, als er noch sehr jung war. Wir sind sehr unterschiedlich, aber wir haben definitiv eine Gemeinsamkeiten: die Leidenschaft und die Liebe zur Musik.

Elliotts Liebe zur Musik sieht man im Film überall – er schreibt im Garten Lieder, im Tourbus, spielt auf dem Boot Klavier. Entsteht bei dir so ebenfalls Musik?

Ja – und so ist im Grunde auch der ganze Soundtrack entstanden. Ein paar der Songs habe ich im Tourbus geschrieben, als ich übrigens in Deutschland auf Tournee war – einige Stücke sind wiederum zu Hause entstanden oder im Studio. Aber der Kern ist immer gleich: Nur ein Mann mit seiner Gitarre. Und so habe ich vor langer, langer Zeit im Keller meiner Eltern mal angefangen. Es war also eine Rückkehr zu meinen Wurzeln.

Im Keller deiner Eltern? Haben sie dich demnach zur Musik gebracht?

Nein, meine Eltern sind überhaupt nicht musikalisch. Vermutlich kam ich durch meinen Cousin mit Musik in Berührung – der hat immer gesungen. Und dann kam es einfach aus meinem Herzen. Denn ich habe Musik immer geliebt. Ich hatte schon immer dieses kribbelnde Gefühl, wenn ich einen guten Song höre. Ich dachte ständig über Musik nach, hörte stets Songs und wollte lernen, wie man Gitarre spielt. Und so habe ich schon früh angefangen, meine eigenen Lieder zu schreiben. Musik war alles für mich.

Dennoch ist deine Familie stark mit deiner Musik verknüpft. Die Schwangerschaft deiner Frau hat dich immerhin zum Titel stiftenden Song A Beautiful Life inspiriert.

Ich habe A Beautiful Life geschrieben, bevor es überhaupt ein Drehbuch gab. Als ich diesen Song dann vor ungefähr drei Jahren Regisseur Mehdi Avaz vorspielte, sagte er: Wir müssen einen Film machen und zwar einen über diese Musik! Ich bin so stolz darauf, dass einige der Dialoge und Szenen im Film tatsächlich aus den Songs stammen, die ich geschrieben habe. Als wir beschlossen, diesen Musikfilm zu machen, wusste ich, dass ich ein Lied darüber schreiben muss, wie man seine Stimme findet und für wen man singt. Denn damit kämpft Elliot. Weil er das Gefühl hat, niemanden in seinem Leben zu haben: Sein Freund ist nach Hamburg gegangen, seine Mutter und sein Vater starben, als er noch sehr jung war. Dann trifft er Lilly und sie sagt: „Du musst für jemanden singen.“ Und das war für mich so ein schöner Moment, als Elliott bemerkte: Okay, jetzt hat er jemanden, für den er singen kann. Und das erweckt all die Lieder zum Leben.

Du hast für den Film alle Lieder geschrieben. Welcher Moment ist dir dabei noch besonders in Erinnerung geblieben?

Wir haben zwei Songs gemacht, die nicht im Film vorkommen, aber auf dem Soundtrack sind. Einer ist Ready to Go und der andere heißt Forgive Me. Wir haben sie mitten in der Nacht geschrieben, das war ein magischer Moment: keine Kinder, keine Frauen, kein Internet. Nichts, was einen ablenken könnte, nur dieser kleine, verletzliche, melancholische Moment. Und im Hinterkopf hatte ich diese Szene aus dem Film, in der Lilly sagt: „Ich bin schwanger.“ Und Elliott hat das Gefühl, dass er das nicht tun kann. Und dazu haben wir Musik geschrieben, die dieses Gefühl widerspiegelt.

Neben der Musik für den Film warst dz auch als Filmproduzent tätig. Gegenüber Netflix betontest du allerdings, dass das Schauspielern die größte Herausforderung war. Warum?

Die Schauspielerei war sehr schwierig für mich, weil ich ständig in meinem Kopf diese Stimme hatte, die mir sagte: Du musst diese Szene perfekt spielen – und das ist das Schlimmste, was man am Set machen kann. Du musst aus deinem Kopf herauskommen, aus deiner Komfortzone, im Moment sein, zuhören, reagieren. Ich habe also wirklich versucht, es nicht zu versauen und einfach mein Bestes gegeben.

Mit Blick auf die Netflix-Filmcharts hast du dein Bestes gegeben – seit dem Start ist A Beautiful Life in den Top 10. Willst du auch in Zukunft Schauspielern?

Ich möchte auf jeden Fall mehr schauspielern. Nicht in der nahen Zukunft, da ich aktuell auf Tour mit den Liedern zu A Beautiful Life bin – und auch so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen will. Aber wenn ein tolles Drehbuch auf meinem Schreibtisch landet und der Zeitpunkt passt, sage ich auf jeden Fall zu.

Zur Person

Christopher Lund Nissen wurde 1992 in Frederiksberg, Dänemark geboren. 2012 erschien sein Debütalbum Colors, im selben Jahr ging er auf Tour und erhielt für die Onlinekommunikation mit seinen Fans einen Danish Music Award. Zwei Jahre später bekam er bereits eine Doku im dänischen Fernsehen, die folgenden Alben erhielt alle Spitzenplätze in den dänischen und teilweise in den koreanischen Charts. Mit Toskana folgte dann 2022 die erste kleine Rolle in einem  Film – und mit A Beautiful Life jetzt die erste Hauptrolle.

Netflixwoche Redaktion